
Die ZDF-Zuschauer haben nicht nur ihren Jahrhunderthit gewählt, sondern auch ein Zeichen gesetzt: Mit "Wind of Change" von den Scorpions haben die Deutschen das inoffizielle Lied der Wiedervereinigung zu ihrem Favoriten erklärt. Damit trotzen sie demonstrativ dem viel beschworenen Konflikt zwischen Ost und West.
In der Frage nach dem Musikgeschmack herrscht Einigkeit: Auf Platz 2 folgt die Rockband Karat mit ihrem Hit "Über sieben Brücken", den Johannes B. Kerner ebenfalls als "Ost-West-Hymne" bezeichnet - schließlich war das Lied dank Peter Maffay in den 80er Jahren ebenso im Westen Deutschlands ein Dauerbrenner.
Vereinigendes Potenzial hat auch die "Ode an die Freude" von Ludwig van Beethoven auf dem dritten Platz. Weiterer Sieger des Abends ist Herbert Grönemeyer, der gleich mit drei Titeln - "Männer" (Platz 11), "Der Weg" (Platz 38) und "Mensch" (Platz 36) - in den Top 100 vertreten ist und damit in Bezug auf die Anzahl der Hits der Spitzenreiter ist.
Unter den Anwärtern auf den Jahrhundert-Hit waren alle erdenklichen Stilrichtungen vertreten. Ob modern oder klassisch, Kinderlied oder Rocksong, Rap oder Schlager - jeder Titel hatte eine Chance. Die einzige Bedingung war, dass er von einem deutschsprachigen Künstler gesungen oder komponiert wurde. Da stellte sich doch gleich zu Beginn die wesentliche Frage: "Wie schreibt man einen Hit?"
Das wollte Johannes B. Kerner denn auch von seinen prominenten Gästen wissen, schließlich sind sie alle erfolgreiche Musiker. "Es gibt unendlich viele Möglichkeiten", antwortete Reinhard Mey ausweichend. Und auch André Rieu konnte das Erfolgsgeheimnis nicht in Worte fassen. "Wenn wir es wüssten, würden wir alle nur Hits schreiben", erklärte Jeanette Biedermann.

Auch wenn es keine Formel und kein Rezept gibt - eine Rangliste für den besten Jahrhundert-Hit gibt es dennoch ... "Die Menschen haben mit dem Herzen gewählt", so Kerner. Wahrscheinlich lässt sich damit am besten der stolze Platz 89 für Mike Krüger mit "Der Nippel" erklären. Dass der Ohrwurm auch heute noch für Stimmung sorgt, bewies Krüger höchstpersönlich mit seiner Gitarre - ausgelassen sang das Publikum den Refrain mit.
So war der Entertainer denn auch glücklich, vor allem über die gute Platzierung: "Ich bin stolz, dass ich noch vor Heinz Rudolf Kunze gewählt wurde." Auch die Toten Hosen haben bewiesen, dass man Musik nicht immer bitter ernst nehmen muss. Ihr Hit "Zehn kleine Jägermeister" landete auf Platz 57, und Sänger Campino erklärte im Videobeitrag: "Man muss den Mut haben, ganz peinliche Dinge zu tun."
Mit kurzen Einspielfilmen zu den Top 100 erlebten die Zuschauer eine musikalische Zeitreise: Lieder wie "Rote Lippen soll man küssen" von Cliff Richard, "Ein Freund, ein guter Freund" von Heinz Rühmann, "Westerland" von den Ärzten oder "Rock me Amadeus" von Falco weckten unterschiedlichste Emotionen. Reinhard Mey war von der bunten Mischung begeistert: "Das Spartenradio heutzutage ist tödlich langweilig. Wir brauchen ein Programm, wo alles drin ist - so wie in dieser Sendung."
Auf der Couch wurde derweil über Musikgeschmack und Stilrichtungen diskutiert. André Rieu wehrte sich dagegen, Musikstile miteinander zu vergleichen: "Es gibt nur gute oder schlechte Musik." Ein Urteil, dem sich Reinhard Mey anschloss. Dennoch gab es Diskussionsbedarf.
Wie Johannes B. Kerner treffend feststellte, musste Mey im Laufe seiner Karriere oft die Frage hören: "Sind Ihre Lieder Chanson oder Schlager?" Für den Künstler selbst gibt es klare Unterscheidungsmerkmale: "Es ist eine Frage der Qualität. Beim Schlager geht es darum, einfach nur einen Hit zu schreiben. Der Chanson hingegen ist feinfühliger."
Diese Definition erfreute Mike Krüger - "Der "Nippel" sei demzufolge eindeutig dem Chanson zuzuordnen ... Thomas Anders, der mit "You're My Heart, You're My Soul" von Modern Talking den 76. Platz belegte, mochte sein Lied auch nicht als Kitsch verstanden wissen. "Der Song wurde von Multimillionen von Menschen gehört, er hat einen Zeitgeist getroffen", sagte der Musiker.

Das trifft auch auf "Mama" von Heintje zu, der Platz 42. belegte und Erinnerungen wachrief: Thomas Anders gestand, früher alle Hits des Jungstars nachgesungen zu haben. "Meine allererste Aufnahme war ein Song von Heintje." Auch Andrea Kiewel imitierte früher große musikalische Vorbilder: Ihr Idol war Mireille Mathieu. "Als Kind habe ich immer versucht, mit einem französischen Akzent zu singen - so wie sie."

Und so näherte sich die Show dem spannenden Finale. "Abenteuerland" von PUR landete auf Platz 5, Reinhard Meys Evergreen "Über den Wolken", den er dem Publikum live mit Gitarre präsentierte, wurde Vierter. Für den Sänger ist dieses Lied unter all seinen Werken etwas Besonderes: "Du kannst den Song hunderttausend Mal gespielt haben, es ist immer noch wie beim ersten Mal." Bronze gab es für "Ode an die Freude" von Ludwig van Beethoven, mit einem Text von Friedrich Schiller auch bekannt als "Europahymne". André Rieu zeigte sich von der Aussage des Liedes beeindruckt: "Die Beiden waren ihrer Zeit weit voraus."
Zum Jahrhundert-Hit schlechthin wurde von den Deutschen schließlich "Wind of Change" gewählt. Die Scorpions, die das Lied natürlich auch in der Show präsentierten, wurden vom Publikum mit tosendem Beifall und brennenden Feuerzeugen belohnt.